Webmontag Hamburg: Internet of Thinks

Von Sensoren, freien Netzen – und einer automatischen „Zukunft“.
This is a rant – i’m afraid.

Das „Internet of Things“ ist in aller Köpfe. Was vor einigen Jahrzehnten noch der selbst-nachbestellende Kühlschrank sein sollte, ist mittlerweile die komplett automatisierte Liefer- und Wertschöpfungskette. Es ist also kein Wunder, dass der Mensch bald umgebaut werden muss, um da noch Schritt zu halten. Zumindest, wenn es nach einer Berufsgruppe geht. Daher mein Titel: Webmontag Hamburg: Internet Of Things – wenn Ingenieure Gott spielen.

Der 42ste WebmontagHH fand diesmal in der Höhle des Bösen statt – oder wie es treffender formuliert wurde:

Erst kommen die Netten

Die Kommunikation zwischen den Dingen ist in der Jetztzeit angekommen. Die technischen Möglichkeiten sind erschwinglich geworden. Und das irrende Menschliche kann endlich ausgemerzt werden.
Doch zunächst erzählt Robert Heinecke von Breeze was er so gelernt hat beim Umgang mit den „Smart Cities“ und seinem günstigen Umweltsensor. Zum Beispiel, wie reagiert wird, wenn in einem Stadteil die zulässigen Feinstaubwerte extrem überschritten werden: man reduziert einfach den Verkehr unmittelbar um die Messstationen:

Auch interessant war die Erkenntnis, dass mehr Daten/Infos den Handlungsdrang erhöhen und daher nicht automatisch gewünscht sind. Es geht ums Geld, ums Budget – vielleicht auch mal um den Bürger. Robert ist allerdings überzeugt davon, dass das IoT gerade Städten helfen kann, Umweltprobleme zu erkennen und zu lösen.

Leo Krüger vom The Things Network schloss an den gesellschaftlichen Aspekt an und stellte die Idee eines freien Netzwerkes für IoT-Anwendungen vor. Hier ging es vor allem um technische Dinge (erlaubte Frequenzen und Nutzungszeiten) und Sensoren. Für wenig Geld kann man sich etwas zusammenbauen – die Anwendungen sind allerdings noch recht spärlich – so kann man sich mittels zweier Fühler über die Wassertemperatur in Münster informieren.

 

 

 

 

Nun wird’s akademisch

Auftritt von Prof. Dr. Peter Holm von der Provadis Hochschule 
Digitalisierung mit dem Vortrag „OneWay Ticket in die Zukunft“ Obwohl: Lehrstoff war das nicht – eher eine kleine Brandrede; „Wollt Ihr die totale technische Kommunikation?“ 

Durchaus launisch – aber stets loyal zu seinem Auftraggeber Deutsche Bahn – schilderte er die Schwierigkeiten bei der Implementierung digitale Prozesse. Die Herausforderungen gerade bei der Logistik seien enorm. Er zitierte dazu atemberaubende Steigerungsraten beim Güterverkehr. So weit, so klar. Nur: hier gab es kein Innehalten. Hier war jemand besoffen vom allmächtigen Algorithmus. Hier war jemand kurz vor der Schnappatmung. Ruhepausen dienten nur dazu, auf seinen (hier nachfolgenden) Kumpel Enno zu verweisen oder seinen mitgebrachten Studenten zu signalisieren, dass er sie im Blick habe (oder vielleicht noch mehr diejenigen, die nicht gekommen waren). Warum die allerdings noch studieren, scheint unklar: ein Großteil der Jobs sind ab 2020 ja gar nicht mehr da.

 

Du bist nur Dein Messergebnis

Zum Finale lud Enno Borchers vom Gastgeber unter dem Titel „Sensorik so simpel“

Dass sich die beiden „Professionellen“ abgesprochen haben, war offensichtlich. Enno Borchers war ebenso ins Thema vernarrt und schwärmte von neuen Welten, höhere Effizienz- und Massenarbeitslosigkeit (ok, das war polemisch). Es ging vom Beschleunigen des Modellautos seines Sohnes vs. des eines  Jumbo Jets zu der Besessenheit Möglichkeit des Messens, Messens, MESSENS. 9000 Sensoren in jedem Auto, alles wird erfasst – und gesendet. 

 

Mag sein, dass mein Schallplattensammeln sein Datensammeln ist. Aber die Sinnsuche im Technischen macht mir Angst. Um es mal drastisch zu sagen: 80 Jahre früher, und es gäbe keine Juden mehr. 

 

Ein Spielverderber

Und das ist schon ein Teil des Problems dieses Webmontags. Auch wenn ich hier für einige eventuell zu viel Staub aufwirbele: Die Präsentation und Diskussion über das künftige Leben und Arbeiten darf nicht den Ingenieuren überlassen werden. Im Gegenteil: Dürrenmatts „Die Physiker“ (kein Affiliate) muss in den Lehrplan jeder TU. Und wir brauchen in solchen Runden auch aufgeschlossene Geisteswissenschaftler, die die technischen Ideen, wirtschaftlichen Szenarien, Chancen und Risiken und gesellschaftlichen Konsequenzen verstehen und – ganz wichtig – formulieren können. Auch wenn es davon möglicherweise im Moment nicht soo viele gibt. 

Mir scheint, Ingenieure verschwenden keinen Gedanken daran, dass die Zukunft menschengemacht ist und diskutiert werden kann: Wir könnten auch etwas ändern. Wir reden von Nachhaltigkeit, brauchen weniger Autos und Produkte, da vieles digital wird und künftige Generationen haben eher geringere Konsumkraft (da wenige viel, und immer mehr eher wenig haben) und gleichzeitig steigt der Güterverkehr!? Wir lieben die Natur, aber wollen den Naturschutz dann durch für die Elbvertiefung aufgeben? Da passt vieles einfach nicht. Und das löst auch kein Algorithmus.

Und ich denke, gerade bei einem Webmontag sollte das zusammenkommen. Bei PR-Veranstaltungen wie dem „Business Circle“ wird dafür freiwillig wohl kaum Platz eingeräumt.