428125ddbed60b30407e244a563589546ad0428cWenn ein Sänger kurz nach Veröffentlichung des zweiten Albums schon zur Legende erklärt wird, er spurlos verschwindet um 14 Jahre später fast unangekündigt das dritte „Werk“ in die Welt zu entlassen, dann sind die Erwartungen fast unmessbar.

Viele Medien überschlagen sich sofort mit Superlativen, nicht nur auf der Suche nach Klicks/Auflage sondern auch, um sich zu positionieren: „Wir sind immer vorn dabei“. Wer die jeweilige Berichterstattung über das nächste Bowie oder Prince-Album verfolgt, weiß, wovon ich schreibe.

Und obwohl D’Angelo – wie bereits erwähnt – kaum ein ähnliches „Lebenswerk“ wie sein Vorbild aus Minneapolis aufweisen kann, ist das hier schon mal das doppelte-Prince-Dilemma.

Wie gut ist denn nun „Black Messiah“?

Gespart wurde zumindest nicht: Aufgenommen mit der Kerntruppe vom 2000er Voodoo-Album, textlich unterstützt von Kendra Foster, die vorher mit George Clintons „P-Funk All Stars“ musizierte und mit freundlicher Unterstützung von Amir „Questlove“ Thompson, Drummer von „The Roots“, vielseitiger Produzent und Bandleader bei Jimmy Fallon.

Der Titel „Black Messiah“

Nach eigenen Worten preist der Titel nicht die eigene Überhöhung sondern die vielen Menschen, die sich gegen die Geschehnisse in Ferguson wehren, an die Occupy-Bewegung etc. Also: Ja, das Album ist politisch.

Music, please

Bis auf den Song „Really Love“, der vor sieben Jahren als Demo schon mal von Questlove im Radio gespielt wurde und sofort im Netz geteilt wurde, sind alle Tracks neu – zumindest auf Platte (ja, Vinyl kommt nächste Woche). Live wurden sie schon vor zwei Jahren vorgestellt. Auf den ersten Blick klingen die Songs allerdings genau so wie auf Voodoo. Man mag sich streiten, ob hier jetzt mehr oder weniger Funk drin steckt, ob es einen Country-Einfluss gibt, ob D’Angelo jetzt wirklich viel besser Gitarre spielt. Aber es bleibt: wer Voodoo liebt, wird nicht enttäuscht.

 

Einst: Cool, smart, on point

dangelo_brownsugar_autographedIch aber doch, denn ich habe das erste D’Angelo-Album „Brown Sugar“ geliebt. 1995 habe ich die EMI-Pressemenschen solange genervt, bis sie endlich den jungen Michael Archer (bürgerlicher Name) rüber geholt haben und ihn dann damals in Köln interviewt. Die LP mit seinem Autogramm besitze ich natürlich noch und das Vinyl wird nur mit weißen, antistatischen Handschuhen aufgelegt 😉

Das Besondere an „Brown Sugar“ war die Rückbesinnung auf SOUL mit großem „S“. Hier wurde nicht das Goldkettchen in den Vordergrund gezogen sondern Stimmen, Grooves, Fender Rhodes – und natürlich: Songs.

Wer die Platte von 1995 noch einmal hört, erkennt die vielen kleinen Hits: „Lady“, “ Me And Those Dreamin‘ Eyes Of Mine“ oder die Coverversion „Cruisin'“ von Smokey Robinson. Die Mischung aus weicher Stimme – oft im Studio vervielfacht wie bei Marvin Gaye – sparsamer Instrumentierung und knackigen Beats war ganz neu. Kurz danach folgten u.a. Erykah Badu oder auch seine Ex-Partnerin Angie Stone mit ähnlichem Ansatz – von Maxwell, Bilal etc. ganz zu schweigen.

Hier wurde  zurückhaltender musiziert als bei den allgegenwärtigen hektischen Tanz-Video-Songs mit Plastic-Drums von Teddy Riley. Das (damalige) Heute wurde mit dem großen Gestern verknüpft: Marvin, Curtis und eben auch Prince. Dass „NuSoul oder Neo Soul“ eben nicht gestrig war, lag auch an der Produktion und der Nähe zum damaligen Hip Hop, der in seiner vollen kreativen Blüte stand. Am Titelsong – und gleichzeitig erste Single – wirkte Ali Shaheed Muhammed von A Tribe Called Quest als Songschreiber und Produzent mit.

Jetzt: verspielt, selbstverliebt, verkopft

Diese Connection ist geblieben. Q-Tip, Tribe-Mitglied und für mich einer der bedeutenden MCs, wirkte bei „Black Messiah“ mit – wie auch schon bei Voodoo. Und schon dort musste man die Songs wirklich suchen. Außer dem Hip Hop-Shuggler „Devil’s Pie“ und der Coverversion „Feel like makin Love“ (Roberta Flack) waren es eigentlich verdichtete Jam Sessions. Produzent Questlove war schon damals voll das Lobes und bezichtigte die Nicht-So-Begeisterten, dass sie Musik wohl nur zum Nebenbei hören nutzen würden.

„Really Love“ oder „Another Life“ klingen immerhin wie rohe Diamanten, „1000 Deaths“ lotet Lärm -zumindest für D’Angelo – neu aus und natürlich werde ich mir das Doppel-Vinyl zulegen, ordentlich in Schutzfolie packen und zu den weiteren D’Angelo-Vinyl-Artefakten in den Humidor stellen. Wie oft ich es tatsächlich rausholen werde, um es zu hören? Möglicherweise nicht sehr häufig. Und ich sage mal voraus, dass auch die vielen musikbegeisterten und profunden Anhänger werden nächsten Weihnachten keinen Track von „Black Messiahs“ (mehr) pfeifen können.