Es sollte eine Kunstaktion im Rahmen der G20-Proteste werden: „Die 1000 GESTALTEN sollen eine Gesellschaft verkörpern, der das Gefühl dafür abhanden gekommen ist, dass auch eine andere Welt möglich ist.“ – so die Veranstalter. Und ich war mittendrin.

Bild: 1000 Gestalten am Borchardplatz

copyright: Anika Meier alias @gert_pauly https://www.instagram.com/gert_pauly/?hl=de (klickt aufs Bild)

Eine Aussage, die in einer Welt von schneller, höher, automatischer und dem Start-Up-Hype wischen „Me-Too“ und ich-werde-millionär-und-tausende-dafür-arbeitslos viel politischer ist, als sie vielleicht auf den ersten Blick scheint.

Mitmachen? Mitmachen!

Eine kurze Nachricht am Donnerstag von Annerose: „Wollen wir da mitmachen?“ war der Auslöser. Kurzer Check: Nein, keine „Gutbürger“-Aktion sondern organisiert von einer Künstlergruppe aus Hamburg und Berlin, unterstützt vom Gängeviertel und der Hanseatischer Materialverwaltung – also: angemeldet. Ein Tag vorher ein erstes Briefing: mit Videos und Anleitungen. Nicht sprechen, nicht fokussieren, kein Zombie sein.

Eine Woche später: Der Wecker klingelt ungewöhnlich früh, schnell einfarbiges Shirt ohne Aufdruck (barcamp hamburg 2016 auf links gezogen), Handtuch eingepackt und ab in den Bus. Dort waren wir nicht allein: Beim Ausstieg trotteten 5 Teilnehmer mit Jutetaschen in Richtung Oberhafen.

Bild: Das Briefing für die Teilnehmer

Das Briefing

Und viele waren überpünktlich – die erste Schlange des Tages gleich bei der Anmeldung: Einwilligung unterschrieben, weiter zum Gruppentreffpunkt: Nummer 16 von 25. Sofort konnte man sich als Schauspieler fühlen – Haupttätigkeit: warten. Aber bei über 700 Personen auf dem Gelände natürlich keine Überraschung.Mit unserem „Head Performer“ gab es ein Briefing und erste Gehversuche in der Gruppe. Soweit so gut. Mittlerweile gab es schon erste Gestalten im Hof zu sehen.

Bild: Die grauen Gestalten übernehmen langsam den Innenhof

Die ersten grauen Gestalten

Dann folgte die ganz große Einweisung mit schwachem Beamer, motivierten Teilnehmern – und den bekannten Endlos-Fragern („Was wäre wenn“), durch die wir fast unseren Einsatz verpassten. Geschafft: Jetzt wird’s ernst

Ab in die Maske

Trotz über 600 Teilnehmern lief es super reibungslos. Schminke auf Augen, Mund und („endlich mal jemand mit großen“) Ohren, dann in die grau-gestärkten Hose und Hemden plus Krawatte. Danach: die Fertigstellung. Brillantine ins Haar, Farb-Matsch on top. Und auch die kalte graue Farbe an Hals und Nacken erinnerte wirklich nur sehr entfernt an heilsame Fango-Packungen. Hier wurde nicht gepfuscht: Fine-Tuning und Endabnahme („Endverlehmung“) sorgten für die perfekte Verwandlung Aber das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

Bild: Ich werde langsam grau

Es geht los

Der Weg vom Oberhafenquartier zum Borchardplatz in Schrittgeschwindigkeit sorgte schon für viel Aufsehen: Hunderte graue Gestalten liefen zwischen Deichtorhallen und Chile-Haus zu ihren Startplätzen. Start: Knie leicht gebeugt, Blick defokussiert, Schultern leicht hängend – und das Klicken nicht vergessen. Dafür hatten wir einen Deckel dieser kleinen Metallschatullen, die als Werbegeschenk entweder Mint-Dragees beherbergten oder als Aschenbecher-to-go ihren Einsatz finden.

Das! war! beeindruckend!

Sich als Teil der grauen Masse zwischen den „normalen“ Bürgern zu schleppen war eindrucksvoll. Bei zehn Metern pro Minute brauchen wir 1000 Gestalten ewig, um von der Altländer Straße, durch die Springeltwiete zur Burchardstraße zu kommen. Dann weiter am Burchardplatz vorbei zum ersten Endpunkt an der Kattrepelsbrücke. Auf dem Weg „verloren“ wir einige Gestalten, die zu müde waren, oder nicht mehr konnten. Sie bleiben auf dem Weg zurück und wir stiegen und stolperten über die Zurückgelassenen. Ein schön-schauriges Bild zum Mantra des „Spiels der freien Marktkräfte“.

Es gab keine Pause: gefühlt jede Person in Hamburgs City fotografierte uns – von den Foto- und Film-Kameras der Sender und Redaktionen gar nicht erst zu reden. Wir mussten also in unserer Rolle bleiben: nicht sprechen, nicht fokussieren, kein Zombie sein.


Tagesschau-Beitrag – von 0:07-0:10 ganz rechts: yours truly

Das Finale mit Befreiung

Bild: das graue Paar nach der Einlehmung

Das graue Paar

Die Aktion sollte nicht nur das „Hier und Jetzt“ darstellen, sondern auch das Morgen. Aus der grauen, soll eine farbige Welt werden. Das wird durch die Befreiung symbolisiert: Das graue, bleierne Kleid wird abgeworfen – die Farbe kommt zum Vorschein. Wer diese andere Welt gesehen hat, kann auch andere befreien. Am Ende ist der Burchardplatz voller hüpfender, umarmender Menschen, denen man das Grau noch im Gesicht ansieht, deren Kleidung und Lachen aber unmissverständlich sind.

Auf dem Papier hatte diese Auflösung einen hohen Kitsch-Faktor, der durch weitere geplante Gruppen-Aktionen schnell hätte zum Overacting führen können. Das blieb allerdings aus. Die Umarmungen waren echt, die Freude auch. Die 1000 Gestalten konnten wieder atmen. Und der Applaus von den vielen Passanten lies jeden Zweifel an der Idee der „Befreiung“ verstummen. 

Zurück in der Homebase der 1000 Gestalten

Bild: Die Teilnehmer holen ihre Sachen zum Duschen ab.

Bunt und geschafft

Euphorisch ging es zurück zum Oberhafen – begleitet von Fotografen und Passanten. Endlich etwas trinken, endlich duschen! Einige Teilnehmer wollten nicht solange warten und badeten in dem Elbe-Kanal zwischen Spiegel und Deichtorhallen. War vielleicht nicht die schlechteste Idee – doch die Wasserschutzpolizei war schneller vor Ort um „Schlimmeres“ zu verhindern.

Im Basecamp erst mal die Klamotten abholen und ab unter die Dusche. Die „Lehmschicht“ ging nicht sofort runter – der Nachbar diente als Spiegel und die Wassertemperatur sorgte für erquickendes Zittern. In der Zwischenzeit gab es auf Twitter und Facebook schon viele Fotos und Kommentare. Das reichte von Zuspruch bis hin zu dem Üblichen „Was man heute so Kunst nennen darf“ sowie „Demonstrieren die etwa für Feinstaub?“.

Für mich war das eine ungewohnt originelle Idee, die vom Konzept recht professionell aufgezogen war und daher auch eine (kurze) Zeit die Bilder der Anti-G20-Proteste dominierte. Außerdem schienen viele Passanten die „Message“ verstanden zu haben. Eine tiefere politische Diskussion muss jetzt anderswo geführt werden.

Links

Musermerku: 1000 Gestalten in Hamburg 05.07.2017

Monopol: Aufstand der Hirntoten 09.07.2017

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