MINT-Magazin-Fuer-Vinyl-Kul

Seit Weihnachten gibt es „endlich“ ein eigenes Heft für deutsche Schallplatten-Sammler. Es heisst „MINT“, so wie die Beschreibung für eine absolut neuwertige Scheibe. Doch beim Cover hat man sich zumindest eher für gebraucht entschieden; es sieht fast so aus, wie das „Rolling Stones Vinyl Special“ von vor ein paar Monaten. Dafür gibt es ein farbiges Label, das Atlantic Records nachempfunden wurde. Wer jetzt an Aretha, MC 5 oder Chic denkt, ist „way off the mark“. Hier geht es nur eher um den bleiernen Zeppelin. Gemacht wird das neue „Magazin für Vinyl-Kultur (Was immer das ist? Gibt es auch Holz-, Stein, Gold- oder Marmor-Kultur?)“ allerdings nicht beim RS-Ableger sondern  im Umfeld der Zeitschrift Intro Visions (mein Fehler).

Ein „ehrliches“, „handgemachtes“ Produkt

Zum Einstiegspreis von 4,90 Euro bekommt man quantitativ erstmal etwas Richtiges in die Hand: hochwertig gedruckt, 100 Seiten, viele längere Texte. Passt ja auch irgendwie zusammen; so wie Schallplattensammeln zwar im Moment wieder „hip“ aber ein Anachronismus ist, scheint auch die Hochphase für Printprodukte („Totes Holz“) vorbei zu sein. Also besinnt man sich auf XXL-Ausgaben (siehe auch Humidor Record Collecting).

Nun gut, ich bin selbst Vinyl-Nerd seit frühester Jugend, stelle meine Räume voll mit Vinyl-Artefakten aus den 50ern bis heute und freue mich immer noch wie ein Kind, wenn ein Plattenpäckchen ankommt. Mit festem Einkommen und Wohnung bin ich also eigentlich genau die Zielgruppe dieses Heftes. Das Team um ist außerdem auch noch ein paar Jährchen jünger. Doch leider hat man nach dem Heft alles andere als einen frischen, sexy Eindruck. Böswillige würden schreiben: „Ein Magazin für heterosexuelle, untersetzte Kappen-/ Bart-Träger, die zwar auf Kurven stehen, aber nur die aus PVC bekommen.“

Doch nur ein neues Oldie-Magazin?

Denn der Inhalt ist samey-samey. Bei den vorgestellten Vinyl-Spinnern ist nur eine (!) Frau dabei, auch die Herren sind geschmacklich weit über 35 (bis auf Olaf Wozniak – versteckt am Ende) – um es mal positiv auszudrücken – und die redaktionell abgebildeten Platten sind auch nicht jünger: Zappa, Phil Collins, Pink Floyd! Letztere werden tatsächlich in fast jedem zweiten Artikel einmal genannt – im Jahre 2015/2016! Das kann es doch nicht sein, Alter. Gerade die zwei Szenen, die Vinyl auch noch Ende der 90er die Treue hielten – nämlich Heavy Metal und Dance – bekommen hier keinen Platz.

PROD-270912-RLS-001-RLS-HP-0001-N11Mich dünkt, es sollen die Plattensammler erreicht werden, die die Platte nur rausholen, wenn gute Freunde zu Gast sind – so wie einen Chateau Lafite Rothschild oder eine Cohiba. Ansonsten wird Musik über Sonos-Boxen direkt aus dem Netz oder als lossless über ein NAS gesaugt. Sorry, aber das ist so tot, wie die Zukunft des Heftes – falls es nicht die Kurve kriegt.

Ja, die Chefredakteure erheben sich über den Hype und korrigieren die übertriebenen Berichte über Steigerungsraten. Und: Es soll nicht vornehmlich um Musik gehen. Also geht es eben doch in die Liebhaberei – die einen sammeln Rolex-Chronometer, wir eben PVC.

Anregend: Ja es gibt ein paar lesenswerte Artikel. So werde ich mir wohl mal Black Gypsy von Archie Shepp ausführlich anhören, von dem habe ich nur spätere Platten. Und das Thema Statik….. erinnert mich bitte nicht daran (schwitz!).

Reviews „right out of the Kindergarden“

Aber die Albenkritiken sind echte der Hammer – genauso wie bei der Buchbesprechung wird die LAUFZEIT angegeben. Maaaaan die ersten Ramones Alben waren unter 30 Minuten – und die würde ich trotzdem niemals für STINGS Solo-Alben von 60 Minuten eintauschen! Und die Besprechung der Scorpions-Box ist „right out of the Kindergarden“.

Wo ist das Format, dass immer der Bote des Neuen, der Umwälzung war: die Single! Ob Beatles, Psychedelic, Punk, Rock ’n‘ Roll oder Hip Hop, Brit Pop oder Disco (gern auch auf 12″) – „Revolutions per Minute“ fanden sehr sehr selten (außer im Jazz) auf den 33ern statt. Dafür ist das Format immer viel zu spät und zu gemütlich. Aber hierzulande möchten wir gern ehrfürchtig herauf schauen und schwere „Werke“ bewundern: Goethe! Mozart! Die Scorpions! (WAIT A MINUTE!) – Like Punk Never Happend.

Und ja, auch bei der Single gibt es viele Szenen, die gesammelt werden – ggw. z.B. Hip Hop auf 7″. Aber ums echte Sammeln geht es hier nur sehr bedingt. Den Namen kann man nämlich auch pragmatisch auslegen: Während Zustandsbeschreibung einer Platte beim Verkauf von gebrauchten Tonträgern sinnvoll sind, wird „Mint“ allerdings fast ausschließlich für pressfrische Ware genutzt. Schon das einmalige Abspielen – auch auf hochwertigem Player – führt normalerweise zu Mint minus.  Bei diesem Heft geht es eigentlich um den Verkauf von Reissues, noch ’ne Led Zeppelin remastered, nochmal Beatles, nochmal ein „Ausnahmemusiker“ – gähn.

Viele Chancen vertan

Es fehlt die eigene Sprache, ein eigener Ansatz, Selbstironie, Polemik und echte Kritik: „Warum sind wir eigentlich so heiß darauf, weiterhin Schallplatten zu horten – „Haben und Sein“?“ Auch das mögliche Füllen der Lücke eines deutschsprachigen Record Collector – nachdem die Reste des Oldie Marktes heute sehr aus der Zeit gefallen sind – wird hier nicht angestrebt. So ist es gegenüber z.B. dem Rolling Stone oder dem Musik Express nicht eigenständig genug – es wird über die gleichen alten Säcke geschrieben.

Man könnte so viele Aspekte des Sammelns, der einzelnen Szenen, des Auf- und Ab bei der Bedeutung von einzelnen Platten, die Spekulationsblase bei Record Store Day-Releases usw. behandeln.

Der FUN, der SCHWUNG im Pop (hier als Sammelbegriff) ist im Heft kaum zu spüren. Hier tanzt keiner – bei dieser Party bleibe ich nicht lang.