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@ReneHamburg ist ein umtriebiger Geselle und einer der Organisatoren (Hallo Kristin!) des Hamburger Webmontags, bei dem ich (zumindest bis heute) auch mitzwitschern darf. Er hat letzte Woche in einem Blogbeitrag seine ideale Zeitung definiert. Und das hat mich etwas geärgert. Daher hier meine Replik.

Lernende Lupe

Während ich Deine Eckdaten mehr oder weniger akzeptieren kann – wie, dass das Druckformat nicht ÖPNV-kompatibel ist – greifen aus meiner Sicht einige Dinge viel zu kurz: So wünscht Du Dir eine Brille, „die Überflüssiges und Nutzloses komplett ausblendet“. So mit „fuzzy logic“, sozusagen die „lernende Lupe“ (© by me). Nur: was ist überflüssig und nutzlos? Und: ändert sich nicht im Laufe des Lebens auch die Präferenz? Oder möchtest Du mit knapp 30 (hihi) tatsächlich die Themen lesen, die Du Dir mal mit 16 zusammengeklickt hast? Aber: wie bekommst Du mit, dass es zwischenzeitlich etwas anderes gibt? (Denn was Du heute mit der Zeitung vorhast, folgt ja dann auch für Fernsehen und den Newsfeed).

Warum interessiert mich ein Thema (ein Song, ein Buch, ein Film) mehr oder weniger? Manchmal nicht, weil womöglich die Umsetzung einfach zu schlecht ist. Dann aber gleich das Thema bzw. den Bereich weg-xxen?

„Ich möchte das nicht (sehen)“

Auch die Bildberichterstattung findet keine Gnade. Du schreibst „Ist euch schon mal aufgefallen, dass es ab und zu Bilder von toten Menschen, abgerissenen Gliedern in den Medien gibt? Ich möchte das nicht. Nicht jetzt und nicht in Zukunft. Was soll das? Niemand will das sehen. Weder im TV noch in der Zeitung. Schlimm genug, dass das auf der Welt passiert.“

Ich greife mal zur Keule: Der Bericht über das Massaker von My Lai (1968) führte mit seinen brutalen Bildern maßgeblich dazu, dass die amerikanische Bevölkerung Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Vietnamkriegs bekam und er schließlich beendet wurde. (Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_My_Lai).Kurz zusammengefasst: Ohne die brutale Wirklichkeit vor Augen geführt zu bekommen, wird sich an dem Schlimmen auf der Welt nichts ändern.

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Überparteilich is a Joke

Klar, „überparteilich“ auf dem Titel ist natürlich eher ein Witz. Das muss man nicht unbedingt an den Piraten festmachen, das gab es auch schon vorher. Durch geschicktes Weglassen, suggestive Fragestellungen und Ähnlichem kann bei jedem Thema sehr unterschiedliche Meinung transportiert werden. Liebstes Beispiel aus jüngster Zeit unser „Freund“ F. J. Wagner in der Bild mit seinem „ Ich bin lieber überwacht als tot“ zur NSA / Tempora /Snowden-Affäre

Dein Fazit, richtig verstanden?

Dein Fazit für Deine Zeitung von morgen scheint zu sein: schneller, kürzer, dennoch subjektiver aber mit möglichst Nichts, was stören oder verstören (Bilder) kann => Welt Kompakt?

Meine Kritik an der Zeitung von heute

Meine Kritik am – nicht nur Print – Journalismus ist anders: Ich habe oft erlebt, dass oft erst der #Aufschrei in Social Media wichtige Themen veröffentlicht oder zumindest öffentlicher gemacht haben. Themen, die in fast 65 Jahren Bundesrepublik längst zwischen der „vierten Säule der Demokratie“, der Politik und den Anzeigenkunden ausgehandelt wurden. Die Darstellung des „Nichtwählens“ strotzt häufig auch nur vor dummer Verallgemeinerungen.

Auch das Selbstbildnis von einigen gestandenen Journalisten – wie jüngst beim sehr interessanten Media PubCrawl – scheint stark verkrustet. Dort wurde viel von der „Gatekeeper-Funktion“ geredet und verortet, was der Leser oder Blogger vom Journalisten lernen müsste. Von Offenheit, selbst etwas zu lernen (z.B. den Rückkanal auch ernst zu nehmen) war da wenig zu spüren.

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You can call it „Pressefreiheit“

Und das ist es, was mich an Zeitungen stört: die selbstgefällige Art „wir wissen es doch besser“, das verkrampfte Festhalten an dem Modell: Wir schreiben und ihr lest gefälligst. Ob man das inhaltlich Pressefreiheit nennen kann, zweifelte ja schon ein FAZ-Mitgründer im Jahre 1965 an: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“ (und es sind heute durch die fortschreitende Konzentration höchstwahrscheinlich nicht signifikant mehr geworden).

Was den Inhalt angeht, verlange ich sogar Verstörendes zu lesen (wenn es denn auf der Welt vorkommt), Verwirrendes oder einen längeren Text, der mir komplexe Themen – wie z.B. aus der Finanzwirtschaft – anschaulich darlegt. Idealerweise ohne Rücksicht auf Anzeigenkunden oder anders: Wann habt Ihr denn den letzten Veriss von einem Produkt gelesen? (jajajaja, das geht jetzt zu weit)

Blogger machen den neuen Journalismus? My Ass

Und obwohl ich hier selbst schwafele: wenn wir in 10 Jahren unsere Infos nur noch aus Blogs ziehen, wie es einige sich vorstellen können (Du hast das nicht gesagt, Rene), dann kenne ich wahrscheinlich alle nicht realisierten iPhone-Prototypen – dargestellt in tausenden von Infografiken, weiß aber nicht mehr, wie der / die BundeskanzlerIn heißt. Am schlimmsten wäre es dann, wenn diese Unkenntnis auch gar keine Bedeutung mehr hätte.

Lieber Rene, ich weiß, Du machst Dir mindestens ebenso viele Gedanken zur Welt wie ich, aber eine Zeitung (in welcher Darreichungsform auch immer) muss mehr bieten als bequemen Service für das eigenen Weltbild.

Weiterführende Links:

Das Klagen der Steinmetz-Innung nach der Erfindung des Papiers – Mathias Brökers, Telepolis, 26.08.2013

ARD/ZDF-Studie 2013: Blogs werden bekannter – Klaus Eck, PR-Blogger, 05.09.2013

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