vorhangEin Konzert, im CCH. Nicht gerade die Lieblingslocation für mich. Doch immerhin hatte ich hier mein erstes „großes“ Konzert gesehen: Udo Lindenbergs „Votan Wahnwitz“ oder so:  umsonst, im Norwegerpullover, auf den Knien, im Gang – damit die zahlenden Besucher nicht gestört wurden…. Danach: Shirley Bassey, die Pet Shop Boys und mein zweites Amy Winehouse-Konzert (in der „kleinen“ Halle, unbestuhlt(!)…. Doch das hier war anders. Erwachsener Pop für Immer-Noch-Nicht-Erwachsene?

Eins-Zwei-Drei-Vier

Schon das Einzählen setze ein Zeichen. Wo den Ramones in Spitzenzeiten vier Worte in unter zwei Sekunden gereicht hätten, nahmen Kraftwerk acht in sechs Minuten – in deutsch, englisch, japanisch, mandarin, russisch, spanisch…. Da stehen „sie“ plötzlich auf der Bühne: Vier gleich ge-/ver-kleidete Männer an vier gleichen Pulten – umrahmt von einem Leuchtband in grüner Farbe. Wie die berühmte Motorrad-Szene in Tron – nur in unbeweglich. Oder wie die Zahlenkolonnen in Matrix.

intro_4Der Sound ist großartig: knallig, klar, direkt: Boing – Boom, Tschak. Sonst ist es mir egal, ob eine Band live genau so ausgetüftelt klingt wie auf Vinyl – hier nicht. Man weiß zwar nicht genau, was die Mannen um Ralf Hütter da wirklich machen – zu wenig in-sync wirken die ausgeführten Handgriffe: kein Rhythmus, keine Melodie, keine Akkorde werden hier gespielt. Dafür begeistern viele der Klassiker in neuen Versionen. So wird der Remix von Computerliebe (aus: The Mix) hier wieder etwas softer und klingt fast wie eine Coverversion von Hercules & The Love Affair – bis auf die Stimme natürlich.

3D2Die Visuals. Als große 3D-Show angekündigt, gab es natürlich eine entsprechende Brille für Nase. Dezent designet sah das Publikum von der Bühnen bestimmt aus, wie auf einer Kino-Vorführung in den 50ern. Und das ergibt auch einen Sinn, denn das hier ist längst nicht mehr kulturell vorne.

Universelle Klänge

Kraftwerk brauchen wenige Worte, die universell in allen Sprachen eingesetzt werden können. Das ist hilfreich beim weltweiten Verkauf, aber geschieht mit weit weniger Kalkül als die Besetzung von Blockbuster-Filmen wie z.B. bei James Bond. Und wenn bei Autobahn das Plattencover „lebendig“ wird, Raumschiffe auf uns zu driften (sehr schön: eines landet direkt vor dem CCH), „Radioaktivität“ farbig strahlt und bei Tour de France an Eddy Merckx erinnert wird, dann hat es etwas rührend Antiquiertes, die Idee des Allumspannenden (in more ways than one) so einfach umgesetzt zu sehen. Kraftwerk live in Hamburg – für diesen Abend klappt es. Wie damals, als Future noch eine Zukunft hatte. 

Kraftwerk sind längst retro. Sie sind irgendwann Anfang der 80er an einer Weggabelung stehen geblieben und müssen sich heute nicht mehr entscheiden. Dort treten sie auf der Stelle. Für sie war nur die Richtung „vorwärts“ programmiert, post-modern war nicht vorgesehen. Und so schwelgen wir im Publikum zu den nur einst modernen Klängen in der Vergangenheit: Wie das Morgen hätte werden können, wir erfolgreich wir hätten werden können. Doch: „Es wird immer weiter gehen, Musik als Träger von Ideen“. Das hoffen wir auch immer noch.

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