Die Einstürzenden Neubauten in der Elbphilharmonie

„Die neuen Tempel haben schon Risse, künftige Ruinen» Ist das ein unverschlüsselter Hinweis an Alexander Gérard und Jana Marko1), die zur Zeit der Veröffentlichung von „Die Befindlichkeit des Landes“ bereits am ersten Entwurf des Konzerthauses arbeiteten? Nicht wenige Zuschauer mussten zu diesen Zeilen grinsen.

Aber die Reaktion war natürlich auch nur ein weiteres Zeichen dafür, wie die starke Ablehnung der „Elphi“ mittlerweile einer Umarmung gewichen ist. Genau so, wie das „Greatest Hits“-Programm von Blixa und Co. uns zärtlich berührte. Denn, obwohl es Stahl, Wasserrohre und Turbine auf der Bühne zu sehen und hören gab, war der Abend hauptsächlich ein gemeinsamer, romantischer Triumph aller Anwesenden: „Seht, wie weit wir’s geschafft haben – even „just for one day“ (um einen anderen (Wahl-) Berliner zu zitieren.

Der Look

Da, sie kommen! In dunklen Anzügen (+ 1 x himmelblau) hüpfen die Mannen auf die Bühne, kein gemächliches Schreiten, wie es der feierliche Ort naheliegt. Nein, es geht immer noch um Energie. Vorsorglich gab es an der Garderobe gelben Kunststoff für die Ohren. Aber der wurde nicht gebraucht, da das Publikum in großer Mehrheit nicht nur gekommen war, um das Innengebäude zu bestaunen – wie bei vorherigen Konzerten – wusste es auch, was kommt. Dazu: Blixa als Entertainer, Alexander Hacke als Lemmy und Rudi Moser mit Blixas alter Frisur – das sind die Einstürzenden Neubauten 2017..

Das Programm

Greatest Hits? Hier gab es keinen doppelten Boden: „Silence is Sexy“, „Redukt“, „Sonnenbarke“, „Halber Mensch“, „Die Interimsliebenden“ – hier gab es Hits, Hits, Hits. Lärm, Geschrei und Geräusche wurden dafür effizient aber auch nur noch vergleichsweise homöopathisch eingesetzt. Blixa erzählt von früher, vom Hafenklang Studio („Kalte Sterne“, wo er im Flutkeller Gitarren-Aufnahmen versuchte, die damals rhythmisch unbrauchbar waren oder abgelehnter Filmmusik („Sabrina“), die fast zu Autounfällen führte. Das ist natürlich ein langer Weg von den Anfängen in Autobahnbrücken mit Betonfässern, Gitarre und Geschrei.

Von Kakophonie zur Philharmonie – ist aber auch ein logischer Schritt. Heute sind die Neubauten eine Kulturinstitution, die vom Goethe-Institut in die Welt geschickt wird – keine böse, laute Combo. Doch ihre heutigen New Wave-Chansons zeigen einen anderen Blick auf die Welt, den wir in Zeiten von Empörung, Sicherheitsmanie Populismus so häufig vermissen.

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Der Klang

Ja, „Rockmusik“ (so Intendant Christoph Lieben-Seutter lt. dpa) funktioniert im neuen Konzerthaus. Die Instrumente (besonders: der Bass) sind laut und knackig. Aber: Junge, bewegende Popmusik in bestuhlten Sälen ist höchstens etwas für Singer/Songwriter. Als einzige Bewegung hier ist der diskrete Wechsel auf einen freien, besseren Platz möglich.

Ungeklärte Fragen an die Anwesenden

Wie viele Neubauten Platten hat der Erste Bürgermeister Olaf Scholz wirklich zuhause? Wird Bernd Begemann „Hammonia“ intonieren, eine Wohnung in der Elphi gestiftet bekommen – oder doch „nur“ eine weitere musikalische Zustandsbeschreibung des Hamburger Kultur-Ausverkaufs komponieren?

1) Hafenarbeiterkantine, Off-Szene und weitere ursprüngliche Ideen der Planer im Interview des Hamburger Abendblatts: http://www.abendblatt.de/hamburg/elbphilharmonie/article208609711/Die-Elbphilharmonie-war-die-Idee-ihres-Lebens.html