Obwohl das Bloggen kein „Neuland“ ist (der Vorläufer von diesem ist ja auch schon 2005 gestartet), werden immer noch gern die Mantras des: „Jeder ist ein Sender“ und „Alle können gleichberechtigt veröffentlichen“ etc. wiederholt. Zum Teil wird das Bloggen als „neuer Journalismus“ angepriesen. Fakt ist allerdings, dass es auch schon vorher möglich war, die eigenen Hirnprodukte in die Welt zu verteilen – nur man musste einfach deutlich mehr dafür tun.

Beispiel: die Fanzine-Szene während der Punk-Zeit. Ob die „Energie in der Luft“ lag, oder sich einfach zu viel Ärger über Ignoranz und Denkfaulheit aufgehäuft hatte, ist sekundär: jeder musste was machen! Also die Schreibmaschine(!) rausgekramt, Fotos aus Zeitungen oder von Plattenhüllen kopiert, später Labels und Künstler angeschrieben (gern auch aus Übersee mit internationalem Antwortschein), das Ganze dann mit Klebestift layoutet und ab zum Kopierladen in der Nähe der Uni.

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Hamburger Orgienpost
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Hamburger Orgienpost
(PDF-Download: http://tapeattack.blogspot.de/2014/05/hamburger-orgienpost-0781.html)

Geld gab es dafür nicht. Wir waren oft froh, wenn die Auflage zügig in den „angeschlossenen Plattenläden“ verkauft wurde und die Auslagen für die Kopien wieder reinkamen. Vorteil: jeder konnte – mehr oder weniger gekonnt – über alles herziehen, was ihn nervte: Platten, Bücher, Konzerte, Politik etc. – ein sehr persönlicher Stil war dabei möglich.

Etwas, was heute bei vielen Blogs nicht wirklich entsteht: Alles (das neue Smartphone zur Verfügung gestellt von XYZ, das Konzert von Sänger ABCD, bei dem man tatsächlich auf die GL kam, etc.) ist erstmal super und nett. Textlich bleibt es oft deskriptiv ohne Reflektion (a la „Dann bin ich dahin gegangen, dann wieder nach Hause“), Analyse oder gar – hülfe – ernsthafte Kritik. Nee, nee, man möchte ja das nächste Mal auch wieder berücksichtigt werden, wenn der Hersteller ein paar Geräte zur Verfügung stellt. Der wiederum tritt bei Veranstaltungen auf und präsentiert seine PowerPoint-Slides über „Blogger Relations“.

Damit wird nicht nur eine echte (bezahlte) Berichterstattung (so schlecht sie manchmal auch sein mag) kopiert, sondern es scheint oft so, dass es nur noch darum geht, sich zu überbieten beim „hart gegen den Wind segeln“ zwischen Journalismus und PR. Die Chance, dem bekannten Einerlei der Journaille etwas Interessantes entgegen zu setzen, wird aufgegeben. Im Gegenteil, 90 % der mit „über den Weg laufenden“ Blogs unterbietet die Verkaufsstrecken der Frauenmagazine, Newsportale und Reisesite spielend. Wofür brauchen wir das? Ist also doch nur „gefragt, was das kindliche Gemüt anspricht“? Oder um mit der von mir sonst nicht so geschätzten Nina Hagen festzustellen: „Ist alles so schön bunt hier“ – aber wirklich lesenswert?

Answers on an electronic postcard please.