Der Frauenschwarm vom fünftgrößten Planeten

Wenn sein Name fehlt, summen alle über 17 Jahre sofort „Fred vom Jupiter“. Doch was danach kam, interessiert vergleichsweise nur eine – symbolische – Handvoll. So auch bei der „großen“ LP-Vorstellung von Andreas Dorau live in der Hanseplatte im Karoviertel. Er wolle endlich in die LP-Charts, so lautete das Mantra des Über-50-jährigen Popstars. Dafür wurden von ihm und dem Label alle verfügbaren Register gezogen. Neben dem klassischen Interview-Marathon gab es ein aufwendiges Box-Set (das für die Charts mehrfach zählt) sowie ein kleines Video-Tagebuch und eben die beiden kleinen Auftritte in Berlin und Hamburg.

Foto: Andreas Dorau live in der Hanseplatte - zwischen Tex und Tim

Andreas Dorau live in der Hanseplatte – zwischen Tex und Tim

Letzter fand am „Tag der Entscheidung“ in der Hanseplatte statt. Denn an diesem Donnerstagabend wurden die Verkaufszahlen ausgewertet und fixiert, ob Andreas Dorau zum ersten Mal hoch genug in die Lp-Charts einzieht. Dabei ist das schon sein zehntes Studio-Album – aber gelangt hat es bisher nur für die Single-Charts. Einmal in D und – mit „Girls in Love“ – einmal in Frankreich.

Älteres Publikum will neuere Musik

Die Sause sollte um 20 Uhr losgehen – doch auf dem Lattenplatz vorm Knust versammelten sich jüngere Leute für ältere Sounds: Bei den Küchensessions musste das Publikum per Fahrrad Strom herstellen, damit Singer/Songwriter bzw.70er-Sound-DJ verstärkt werden konnten. So gesehen war das musikalische Angebot von Herrn Dorau eindeutig moderner – so Mitte 80er bis Mitte 90er. Allerdings: Die Runde, die sich vor und in der Hanseplatte sammelte, hatte meistens mehr als ein graues Haar. Modischer und schicker war da DJ Carsten Friedrich von Der Liga der gewöhnlichen Gentlemen, der Sunshine Pop der 60er mit Neo-Mod und New Wave von Generation X bis hin zu Alan Vega und Psychic TV auflegte. Beinahe so, als ob es nur eine amtliche Plattensammlung geben kann. Weil Zwanie Jonson leider zu wenig Akku für sein iPhone hatte, auf dem die Backing-Tracks gespeichert waren, fiel sein Showcase aus. Nun also: der Meister himself.

Andreas Dorau live in der Hanseplatte

Link: Artikel: "Andreas Dorau gibt 'ne Party"

Artikel: „Andreas Dorau gibt ’ne Party“

Da stand er vor uns zwischen Tex an den Drums und Tim am Macbook – und die Songs ballerten los: „Liebe ergibt keinen Sinn“, „Liebe in Dosen“, „Ich sehe Farben“, „Imitier mich“, „Du bist nicht da“, „Ich sehe Schwarz“. Das sind echte Hits. Warum? Weil ein Drittel des Publikums schon wenige Tage nach Veröffentlichung mitsingt, mitsummt, mitswingt. Und eigentlich gehören die Tracks in jedes Radioprogramm. Doch „Wir sind hier nicht in London, Ulrich“. Die Mischung aus Melodien (altmodisch: sogar mit Bridge) und Alltagsbeobachtungen kann in einem Land, deren überwiegende Anzahl von Einwohner offensichtlich am liebsten nach Vorschrift leben, lieben und hören, nicht goutiert werden. Hier wird ständig abgeklopft, ob das Handwerk stimmt, ob der Künstler leidet und der bildungsbürgerliche Anspruch erfüllt ist: Wo bleibt Goethe? Wenn wir schon der Politik – und neuerdings der Polizei – blindlings folgen, dann dürfen müssen wir zum Ausgleich doch den Künstlern gegenüber kritisch sein.

Doch hier lassen sich die ca. 70 erfahrene Personen von den neuen Songs anstecken und grinsen fast debil vor lauter Freude, weil das neue Album wieder rundum gelungen ist. Dass die Anlage bei der Zugabe schwächer wird und der Text noch nicht hundertprozentig „sitzt“, stört die Anwesenden kaum – bis zum Konzert im August auf Kampnagel wird das sicher gefixt. Ich bin sicher, direkt nach dem Konzert war „die liebe und der ärger der anderen“ die Nummer 1 der Verkaufscharts – wenn auch nur für 15 Minuten.

This is Pop?

Natürlich ist jeder geprägt von den Sounds des eigenen Heranwachsens. Und wer in etwa so alt ist wie der Künstler selbst, hört eine Verbindung zu Elektro, Synthie-Pop der Achtziger und kleinen Experimenten. Doch es ist schon traurig, dass auch diese Kleinode an Situationen des Lebens verpackt in schöne Melodien und angetrieben von kräftigen Beats in Deutschland so gar nichts ausrichten können. Die Mitstreiter (Traumschmiere, Justus Köhncke etc.) kommen durch Auftritte, DJ-Sets und Aufträge vom Goethe-Institut oder für Theaterproduktionen so über die Runden. Das wird für die nachfolgenden Generationen sogar noch schwerer. Popmusik in Deutschland? Hier wird an Kraftwerk (oder sogar die Scorpions) so verbissen festgehalten, dass eine neue Entwicklung nicht möglich scheint. (Und natürlich wäre Herr Dorau in einer besseren Welt nicht der ganz aktuelle Scheiß)


Live in der Hanseplatte

Liegt es am Streaming? Liegt es an der fehlenden Langeweile der Generation Z? Liegt es an der Selbstüberschätzung der Smartphone-Besitzer? Oder doch an der Bräsigkeit und selbstgenügsamen Überheblichkeit der Radiomacher in privaten UND öffentlichen Anstalten?

Dass die Songs von „Liebe und Ärger der Anderen“ jeden Reisbrett-Hit von Ed Sheeran vom Plattenteller fegen könnten, ist offensichtlich. Allerdings: Das Aussehen war im POP immer wichtig. Und wenn hunderttausende junge Mädchen plus ihre Mütter sich auf einen rothaarigen Jüngling einigen, dann hat unser reifer „Lieblingspopper“ wohl keine echte Chance.
UPDATE: Das Album ist diese Woche auf Platz 56 eingestiegen! (Aber eben elf Plätze hinter der hinteren Ed Sheeran)

Mehr Andreas Dorau:
Andreas Dorau gibt ’ne Party.. – zum 50sten im Januar 2014 im Knust.
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